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Recht bei Doping

Doping - Ist die Nulllösung noch zeitgemäß? 

Wenn der Reiter unwissentlich in die Doping-Falle tappt

(Veröffentlicht in „Das Islandpferd, Verbandsorgan des IPZV e.V.“, Januar/Februar 2005, Nr. 103, S. 35)

Das war das Thema der Podiumsdiskussion anlässlich der Baltic-Horse-Show. Doping – ein böses Wort – wie der Moderator gleich zu Anfang treffend formulierte. Dabei zuckt der Normalbürger elektrisiert zusammen, zu zahlreich sind die in der Öffentlichkeit diskutierten Fälle. Der Sport muss sauber bleiben, das fordert der sportinteressierte Zuschauer. Und selbstverständlich ist kein Wort darüber zu verlieren, wie es eingeschätzt werden muss, wenn ein turnieruntaugliches (weil krankes) Pferd für die Turnierteilnahme fit gespritzt, eine Lahmheit verdeckt wird.

Aber darum ging es in der hochkarätig besetzten Diskussionsrunde nicht. Diskutiert wurden vielmehr die Fälle, in denen der Reiter unwissentlich in die Doping-Falle tappt. Und das ist leicht möglich. Denn im Reitsport gilt – was wenige wissen – bis auf wenige Ausnahmen die absolute Nulllösung. Nun weiß ja der aufmerksame Krimi-Leser, wozu die Labortechnik heute fähig ist.

Es kann dahingestellt bleiben, ob die Nulllösung vor einigen Jahren noch Sinn machte, heute tut sie es jedenfalls nicht mehr. Wie bewegen uns in Größenordnungen von 0,000000001 (ganz richtig 8 Nullen nach dem Komma) Gramm (nicht etwa Kilogramm). Kein tiermedizinisches Lehrbuch ist bei der Dauer der Nachweisbarkeit noch auf dem aktuellsten Stand – so schnell schreitet der „Fortschritt“ voran. In die Doping-Falle kann tappen, wer seinem Pferd bei langem Transport mit Gel die Beine kühlt, wer seinen Wallach neben eine rossige Stute stellt (auch Wallache haben durchaus noch einen Hormonhaushalt), wer eine leichte Transportverletzung mit einer antibiotischen Salbe behandelt, wessen Pferdeweide besonders reich an Kräutern ist oder wessen Hufschmied vielleicht – unter Umständen ohne sein Wissen – dem Zappelphilipp vor Wochen ein Beruhigungspülverchen verabreicht hat. Der Tierarzt der Verfasserin formulierte es zutreffend: „Demnächst werden sie noch nachweisen können, dass ein Pferd als Fohlen einmal ein Hufgeschwür hatte.“

Fragen wir uns doch ganz einfach mal nach Sinn und Zweck der Doping-Vorschriften (die der IPZV e.V. im Übrigen in seiner Rechtsordnung brav von der großen Schwester FN „abgekupfert“ hat). Einerseits soll eine Wettbewerbsverzerrung vermieden werden, andererseits geht es um den Tierschutz (siehe oben, das lahmfrei gespritzte Pferd). Nach den geltenden Vorschriften liegt Doping aber schon vor, wenn Medikamente bei leichten Erkrankungen, die – schon aus tierschützerischen Gründen – notwendig und segensreich sind und deren Wirkung seit langem abgeklungen, sie aber noch in winzigen Spuren nachweisbar sind. Die verantwortlichen Funktionäre der FN und auch der FEIF machen es sich leicht, wenn sie den „Schwarzen Peter“ allein der Technik zuschieben, statt sich die Mühe zu machen, den Einzelfall zu beurteilen und dem Reiter den Entlastungsbeweis möglich zu machen, dass nämlich kein Wettbewerbsvorteil gegeben ist und nicht gegen den Tierschutz verstoßen wurde.

Es darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass die FN-Schiedsgerichte in ständiger Praxis bei einer positiven Dopingprobe in der Regel von einem vorsätzlichen Verstoß ausgehen – der Reiter hat gewusst, dass das Pferd behandelt wurde, er hat bewusst am Turnier teilgenommen, er hat nur nicht gewusst, dass es sich dabei um Doping handelte. Und ein (entschuldigender) unvermeidbarer Verbotsirrtum wird regelmäßig abgelehnt, selbst wenn sich der Reiter zuvor (nachweisbar!) bei dem behandelnden Tierarzt, der Herstellerfirma oder selbst einer tierärztlichen Hochschule rückversichert hat. Allein eine Nachfrage bei der FN selbst kann ihn dann entlasten. Wenn die FN diesen Kurs wirklich fahren will, dann müsste sie aus Gründen der Sorgfaltspflicht ihren Mitgliedern gegenüber diese Vorgehensweise publik machen. Ansonsten steht sie im Gegensatz zu der von ihr selbst in Auftrag gegebenen Studie, die künftig von Kunden statt von Mitgliedern sprechen will. Und kundenfreundlich ist das nun wirklich nicht.

Leider wurde einem Problemkreis in der Diskussion nur am Rande nachgegangen. Natürlich stehen betroffene internationale Spitzenreiter in der öffentlichen Diskussion. Aber vergessen wir nicht, dass sie nur eine Minderheit der FN Mitglieder darstellen. In die gleiche missliche Lage kann jedoch auch der Reiter geraten, der auf nicht ganz so hohem Niveau reitet. Er hat in der Regel nicht die Möglichkeit, international erfahrene Spezialanwälte hinzu zu ziehen, renommierte Wissenschafter für Gegengutachten zu bezahlen. Ihm fehlen Sponsoren und Mäzene. Verunsichert tappt er im Dunkeln und unter Umständen trotz bestem Wissen und Gewissen mitten hinein in die Doping-Falle. Oder aber Pferden bleibt die notwendige Behandlung aus Furcht vor einer immer länger werdenden Nachweisbarkeit versagt. Damit werden die Doping-Vorschriften letztlich selbst de facto tierschutzwidrig.

Im Ergebnis führte die Diskussion zu dem klaren Ergebnis, dass die Nulllösung heute eigentlich nicht mehr haltbar ist, aber aufgrund der Schwierigkeiten, Schwellenwerte festzulegen, durchaus Bestand haben kann, wenn dem Reiter die Möglichkeit eines Entlastungsbeweises gegeben wird und die zuständigen Gremien den Einzelfall betrachten und ihre Verantwortung nicht an medizinische Labors abgeben.

Soweit es den IPZV e.V. betrifft, habe ich das feste Vertrauen, dass dann, wenn (trotz gleichlautender Vorschriften) eine unangenehme Entscheidung zu treffen ist, alle Umstände des Einzelfalles Berücksichtigung finden werden.


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