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Tod eines Kolikers

(Veröffentlicht in „Hestur“, Fachmagazin für Islandpferdefreunde, Februar/März 2003, Nr. 109, S. 28/29)

Der Sachverhalt: Der Inhaber eines Pensionsstalles fand morgens zur üblichen Futterzeit ein Pferd in seiner Box liegend vor. Alle anderen Pferde zeigten deutlich, dass sie das Futter bereits mit Ungeduld erwarteten.

Als sich das Pferd auch nicht erhob, als die Kraftfutterrationen ausgeteilt wurden, glaubte er an ein Festliegen und holte Hilfe herbei, um das Pferd aufzurichten. Bei seiner Rückkehr stand das Tier. Der Stallbetreiber konnte sich später nicht mehr daran erinnern, ob es zu fressen angefangen hatte. Jedenfalls beachtete er es nicht weiter.

Als er drei Stunden später den Stall wieder betrat, kümmerte sich bereits die Reiterin um das inzwischen stark zitternde und schweißüberströmte Tier. Der herbeigerufene Tierarzt stellte eine Kolik mit Darmverschlingung fest. Das Pferd wurde sofort in eine nahe Tierklinik gebracht und dort operiert. Die Darmfunktion konnte jedoch auch durch die Operation nicht wieder aktiviert werden – das Tier musste eingeschläfert werden.

In einem nachfolgenden Prozess verlangte die Eigentümerin Wertersatz des Pferdes sowie Ersatz der Tierarztkosten. Sie war der Ansicht, die Operation wäre bei sofortiger Hinzuziehung eines Tierarztes vermeidbar gewesen, zumindest hätte ihrer Meinung nach bei einer rechtzeitigen Operation das Pferd gerettet werden können. Dadurch, dass der Stallinhaber dem ungewöhnlichen Verhalten zur Futterzeit keine Beachtung geschenkt hätte, hätte er seine Sorgfaltspflicht grob verletzt.

Der Stallbesitzer wandte ein, eine derart ernsthafte Erkrankung wäre für ihn nicht erkennbar gewesen, außerdem sei er als Pensionsstallbetreiber lediglich für Boxen und deren Instandhalten sowie für die Fütterung des Pferdes zuständig. Darüber hinausgehende Pflichten hätte er nicht.

Der im Prozess gehörte tiermedizinische Sachverständige sah in dem ungewöhnlichen Verhalten des Pferdes zur Futterzeit die Veranlassung, das Tier zumindest weiterhin genau zu beobachten, da sich der Verdacht einer ernsthaften Erkrankung geradezu aufgedrängt hätte. Eindeutig hätte tierärztliche Hilfe früher herbeigeholt werden müssen. Er konnte sich aber nicht darauf festlegen, dass die Operation mit größter Wahrscheinlichkeit bei früherer tierärztlicher Behandlung zu vermeiden bzw. das Pferd durch eine rechtzeitigere Operation zu retten gewesen wäre. Kolikoperationen hätten grundsätzlich nur eine Erfolgsquote von 70 %, aufgrund der verspäteten Hinzuziehung eines Tierarztes sei diese auf 50 % gesunken. Außerdem könnten nachträglich keine Aussagen zum Verlauf der Kolik gemacht werden. Es bestünde durchaus die Möglichkeit, dass bereits am frühen morgen schon eine Darmverschlingung vorgelegen habe.

Das Urteil: Die Klage wurde abgewiesen. Das Gericht nahm zwar bei einem Einstell-Vertrag über die bloße Zurverfügungstellung einer Box, das Ausmisten und Füttern hinausgehende weitere Obhutspflichten an, die in dem vorliegenden Fall eindeutig von Seiten des Stallinhabers verletzt worden seien, verneinte aber die Kausalität zwischen der Verletzung dieser Pflichten und dem Tod des Pferdes. Denn möglicherweise wäre auch bei korrektem Verhalten der Tod des Tieres eingetreten.


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