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Sommerekzem – Achtung Verwechslungsgefahr!

Hautprobleme bei Pferden führen oft vorschnell zu der Diagnose „Sommerekzem“. Aber was wie Sommerekzem aussieht, muss noch lange kein Sommerekzem sein. Nicht nur für die Behandlung des Pferdes, auch in einem eventuellen Rechtsstreit (Mangel!) spielt die genaue Diagnose und die Gefahr einer Verwechslung eine große Rolle.

Misstrauen in die Diagnose „Sommerekzem“ ist vor allem immer dann angezeigt, wenn die Hautveränderungen erstmalig nach dem sechsten Lebensjahr (bei inländischen Pferden) auftreten, mit untypischen Begleiterscheinungen wie zum Beispiel Atemwegsproblemen oder Augenentzündungen einhergehen oder Federvieh den Pferdestall bevölkert.

1. Was ist Sommerekzem?

Bei Sommerekzem handelt es sich allein um eine allergische Reaktion gegen Mücken (bzw. ihren Speichel) der Gattung Culicoides spp., hier besser bekannt als Kriebelmücken oder Gnitzen (vgl. Reiher: „Ekzem je nach Situation“ in Eidfaxi International, Nr. 5, Oktober 2004, S. 45; „Vetcontact – Der Treffpunkt der Tierärzte“, www.vetcontact.com ; Sollner-Webb: „Ekzem – Unterricht in Allergie“ in Eidfaxi International Nr. 5 Oktober 2004, S. 44; Lange: „Untersuchung zur Vererbung des Sommerekzems beim Islandpferd“, Dissertation Tierärztliche Hochschule Hannover, Kap. 2, Ziff. 2.2, S. 8). Eine bestehende Sensibilisierung, die aber noch nichts über ein tatsächlich bestehendes Ekzem aussagt, kann durch Bluttest (FIT-Test der Tierärztlichen Hochschule Hannover, Prof. Leibold) festgestellt werden.

Nun führt aber eine im Blut festgestellte Sensibilisierung nicht zwangsläufig zur Ausbildung eines Sommerkezems. 50 % der Pferde, die niemals erkranken, zeigen sich im FIT-Test positiv (vergl. Kobelt: „Zum Sommerekzem, eine Typ I Allergie beim Islandpferd, Verlauf der in vivo-Sensibilisierung von basophilen Granulozyten nachgewiesen mit einem funktionellen in vitro-Test“,  Dissertation Tierärztliche Hochschule Hannover). Ein Pferd kann also nur dann als Ekzemer bezeichnet werden, wenn neben dem positiven Bluttest auch die typischen äußeren Symptome erkennbar werden. Inwiefern und welche Auslöser dafür verantwortlich sind, dass das eine Pferd ein Sommerekzem ausbildet und das andere nicht, ist bislang noch nicht geklärt. Fest steht nur, dass sowohl genetische wie auch äußerliche Einflüsse dazu führen können.

Aber - ein negatives Testergebnis dagegen schließt auch bei vermeintlich typischen Hautschäden eine Sommerekzemerkrankung immer aus!

Die typische Lokalisation des durch Juckreiz entstehenden Sommerekzems sind der Bereich von Mähne-, Schweifrübe und Unterbauch (vgl. Lange: „Untersuchung zur Vererbung des Sommerekzems beim Islandpferd“, Dissertation Tierärztliche Hochschule Hannover, Kap. 3, S. 29, 41, 42 mit weiteren Nachweisen).

2. Nicht nur Mücken machen krank

Als theoretisch zu verwechselnde Erkrankungen kommen auch Hautpilze und Parasitenbefall (Milben, Läuse, Haarlinge) in Betracht.

Hautpilze treten bevorzugt seitlich des Halses und am Kopf auf. Läuse und Haarlinge sind teilweise mit dem bloßen Auge, teilweise mit einer Lupe nachweisbar und lassen sich durch entsprechende Medikamente „vertreiben“. Außerdem treten sie bevorzugt in der kühlen Jahreszeit und während der Stallhaltung auf, während das Sommerekzem im Gegenteil bei Haltung im Freien und während der warmen Jahreszeit beobachtet wird.

Zur Abklärung eines eventuellen Milbenbefalls ist eine Diagnose durch einen erfahrenen Tierarzt unbedingt notwendig. Ein Laie kann die verschiedenen Milbenarten nicht erkennen. Während des Blutsaugens können die Milben zudem Protozoen, Viren oder Bakterien übertragen, wobei auch die Behandlung dieser Sekundärinfektionen in die Hand eines Veterinärmediziners gehört.

Dabei ist grundsätzlich auch eine Allergie gegen alle Ektoparasitenproteine möglich.

3. Dermanyssus gallinae – ein ganz übler Bursche

Ein Befall mit Milben ist heute von zunehmender medizinischer Bedeutung. Die Entwicklung der Schädlinge ist von verschiedenen Gegebenheiten wie Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Nahrungsangebot abhängig. Innerhalb weniger Wochen kann es dabei zu einer massenhaften Vermehrung kommen. Auch die Aktivität dieser Parasiten ist witterungsabhängig. Sie wird durch Temperaturanstieg begünstigt (http://www.dr.med-heukelbach.de/allergielogie12.html).

Zu den bedeutendsten Vertretern gehört die Rote Vogelmilbe (bzw. Hühnermilbe), die – eingeschleppt durch Hühner oder Stallschwalben – auch Pferden sehr zu schaffen machen kann, da sie nicht wirtsspezifisch ist und selbst vor Menschen nicht Halt macht  (Krauss/Weber: Zoomosen, Leitfaden für die Praxis, Kap. 5, Ziff. 5.6.4, S. 318 ff., http://www.medizin.de/gesundheit/deutsch/2010.html). Unter Umständen werden die durch sie verursachten gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit klinischen Sommerekzemsymptomen verwechselt - mit fatalen Folgen in einem möglichen Rechtsstreit  wegen behaupteter Mangelhaftigkeit des Pferdes.

Vogelmilben (dermanyssus gallinae) sind ca. 0,7 mm lang, gelblich bis bräunlich gefärbt, nach dem Saugen von Vogelblut rot bis schwarz. Sie siedeln sich in Ställen an. Als Schlupfwinkel dienen ihnen Legenester sowie Risse, Fugen und Ritzen in Stalldecken und Wänden (http://www.kortenbruck.de/milben.html). Die Vogelmilbe hält sich tagsüber in Schlupfwinkeln auf, ist erst nachts aktiv und saugt dann Blut. In den Tagstunden ist ein Milbenbefall nicht festzustellen. An den Stichstellen kommt es zu Entzündungen, lang anhaltendem Juckreiz und Ekzemen (Krauss/Weber: Zoomosen, Leitfaden für die Praxis, Kap. 5, Ziff. 5.6.4, S. 318 ff., http://www.kortenbruck.de/milben.html; http://www.dr.med-heukelbach.de/allergologie12.htm; http://imbie.meb.uni-bonn.de/parasitologie/amae_l01.html).

4. Auch ein dickes Fell kann jucken

Darin, dass ein Pferd sich scheuert, liegt nicht zwangsläufig ein Krankheitssymptom, sondern es kann sich auch um ein typisches Verhalten von robust (= artgerecht) gehaltenen Pferden handeln.

Oft mangelt es Tierärzten an Erfahrung mit unseren Robusten, wenn sie in ihrer Praxis weit überwiegend stallgehaltene Warmblüter betreuen, die eine tägliche Fellpflege von Menschenhand erfahren und deren Winterfell sich kaum von Sommerfell unterscheidet. Sie sind schnell mit der Diagnose „Sommerekzem“ bei der Hand. Dabei verhält es sich bei Robustpferden, deren typischer Vertreter das Islandpferd ist, nun wirklich ganz anders. Diese Pferde werden nicht täglich geputzt. Staub und Schweiß können schon ganz schön jucken. Im Frühjahr wird das extrem lange und dicke Winterfell an allen möglichen Gegenständen abgescheuert. Nicht von ungefähr veröffentlicht die auflagenstärkste Zeitschrift für Freizeitreiter (Freizeit im Sattel, November 2005, S. 52/53) einen praktischen Tipp, wie man seinen Pferden im Paddock ein ungestörtes „Scheuervergnügen“ bereiten kann.

5. Wenn die Seele zwickt

Eine weitere Verwechslungsmöglichkeit mit Sommerekzem konnte die Verfasserin selbst ganz praktisch beobachten, wobei es dabei für das dort aufgetretene Ekzem keine andere Erklärung als die psychische Verfassung des Pferdes geben kann:

Ein und dasselbe Pferd, zugegeben sehr sensibel, entwickelte während seines Lebens zweimal erhebliche Hautprobleme, die sich fast über den ganzen Körper erstreckten und zu großen kahlen Stellen führten. Beim ersten Mal passierte das, als das Pferd mit seinem jugendlichen Reiter in den Sommerferien in einen anderen – relativ großen – Bestand wechselte, dass zweite Mal, als neue Pferde in die heimatliche Herde integriert wurden. In beiden Fällen verschwanden die Symptome, als das Sensibelchen wieder zuhause im heimatlichen Stall stand bzw. sich an die neuen Herdengenossen gewöhnt hatte.

6. Achtung Verwechslungsgefahr

Zweifel am Vorliegen von Sommerekzem müssen insbesondere immer dann bestehen, wenn die Symptome  dem sonst typischen Krankheitsbild eines Sommerekzems widersprechen. Sommerekzem geht z. B. nicht mit geschwollenen Augen und Atemwegsbeeinträchtigungen einher. Dies spricht immer eher für den Kontakt mit einer anderen hochallergenen Substanz.

Sensibilität gegen Federn ist z. B. eine bekannte, häufig vorkommende Allergie. Rhinites (Heuschnupfen), Rhinikonjuktivitis (Heuschnupfen und Bindehautentzündung) und Asthma sind die häufigsten Symptome, verursacht durch direkten Kontakt oder durch Einatmen winzig kleiner Teilchen. Tritt dazu auch noch ein Hautekzem auf, kann man sich fast schon sicher sein, dass die gefiederten Freunde gleich noch ein paar Mitbewohner wieder mitgebracht haben – Vogelmilben. Deshalb bleibt festzuhalten: Hühner gehören nicht zu Pferden und Schwalben im Stall bringen nicht immer Glück. (http://www.dr.med-heukelbach.de/allergologie11.htm). Auch Heu verursacht bei nicht sachgerechter Gewinnung (zu früh gepresst) oder der in Schleswig-Holstein häufigen schlechten Witterung (zu früh eingebracht oder einmal nass geworden) starke allergische Reaktionen durch Heustaub (Schimmelpilz, Heustaubmilben), insbesondere der Atemwege.

Kreuzsensibilisierungen können dazu führen, dass die allergene Dosisschwelle auch für andere, vorher noch nicht relevante allergieauslösende Substanzen sinkt. Wir kennen das ja vom Menschen. Wer jahrelang „nur“ unter Heuschnupfen litt, reagiert plötzlich auch empfindlich auf Tierhaare. Wissenschaftler fanden so beispielsweise Culicoides-Sensibilisierungen bei Pferden, die nachweislich noch nie zuvor mit dieser Insektenart in Berührung gekommen waren. So bleibt zum Schluss die Erkenntnis: Viele äußere Einflüsse können das glänzende Haarkleid unserer Pferde direkt „kaputt machen“, die Ursache ist keineswegs im Pferd selbst angelegt. Darüber hinaus ist es nicht einmal auszuschließen, dass ein ursprünglich gesundes Pferd durch Umweltbedingungen (Kreuzreaktion!) tatsächlich zum Sommerekzemer wird.


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