

Irgendwie wissen wir es alle tief in unserem Inneren. Wir wissen, dass ein Fünfgänger doch irgendwie etwas anders aussieht (wobei Ausnahmen die Regel bestätigen) als ein Viergänger (1). Und einen Rennpasser mit einem heute als „schön“ empfundenen Gebäude züchten zu wollen, kommt wohl der Quadratur des Kreises gleich. Wir haben eine Ahnung davon, wie Gangveranlagung und Gebäude miteinander im Zusammenhang stehen und vererbt werden. Und natürlich glaubt niemand mehr, die Kombination eines Schweinepassers mit einem durchgebrochenen Traber würde zu einem schicken Tölter führen (2). Aber wir können es nicht in ein System bringen, können (noch) nicht mit unserem Verstand die Gesetzmäßigkeiten fassen.
Wir hätten es natürlich leicht, wenn die gesamte Erbinformation des Pferdes bereits bekannt wäre, wenn wir die passenden Ei- und Samenzellen heraussuchen und im Reagenzglas verschmelzen könnten. Aber das können wir nicht. Von den geschätzten 25.000 bis 30.000 Genen des Pferdes sind noch nicht einmal 10 (!) entschlüsselt (3). Wir haben nur das Pferd, das uns gefällt oder nicht gefällt, das sich uns locker oder verspannt anbietet, das schwer oder leicht töltet. Wir wissen nichts von Stoffwechselvorgängen im Muskel, können Elastizität der Bänder und Sehnen nicht sehen. Wir spüren nur, wenn uns dieses Pferd das Reiten angenehm oder unangenehm macht. Aber warum? Denken wir an Platons Höhlengleichnis, dann sitzen auch wir in einer Höhle, können die Wirklichkeit nicht sehen, nur ihren Schattenriss (den Phänotyp, das Erscheinungsbild des Pferdes). Aber wir wissen, dass diese Schatten nicht die Wirklichkeit sind und versuchen, auf die dahinter liegende Realität (den Genotyp, die Erbanlagen und ihre ideale Kombination) zu schließen.
Die deutsche Genetikerin Butler-Wemken hat in einem persönlichen Gespräch mit der Gangpferdetrainerin und Fachbuchautorin Stührenberg die Gangveranlagung als quantitatives Merkmal beschrieben, das von mehreren Genen bestimmt wird. Sie - wie auch andere – bedauerte, dass es derzeit noch zu wenig Datenmaterial gäbe, um zu gesicherten Aussagen über die Heritabilität (den Erblichkeitsgrad) zu gelangen (4). Wir könnten dies ändern. Zwar ist die Zuchtwertschätzung nach BLUP nicht unumstritten (5), wird teilweise in ihrer derzeit praktizierten Form wohl auch überbewertet (6). Aber sie könnte uns (als Nebenprodukt quasi) wichtige Informationen liefern – wenn wir es denn richtig machten. Nun hat sich zwar schon gezeigt, dass die einzelnen Gangarten eine mittlere Heritabilität aufweisen. Aber - über die Art der Gangart, insbesondere ihre Leichtrittigkeit, ihren natürlichen Takt, sagt weder die Bewertung in der Prüfung selbst noch die Zuchtwertschätzung etwas aus. Bewertet wird nur das Erscheinungsbild in der kurzen Momentaufnahme der Prüfung. Das Erscheinungsbild setzt sich grundsätzlich zusammen aus genetischer Veranlagung und Umwelteinfluss (7). Leider steht es dem Reiter nicht auf der Stirn geschrieben, wie viel Zeit, Schweiß und auch Geld in das betreffende Pferd investiert wurden, damit es sich jetzt so präsentiert. Je mehr Zucht, desto weniger Ausbildung – das ist es schließlich, was wir alle wollen.
Dank Zuchtwertschätzung wissen wir, dass z. B. Trab und Tölt im mittleren Bereich korrelieren (voneinander abhängig sind). Aber wen wundert das? Tölt und Trab unterliegen größtenteils denselben Bewertungsgrundlagen – nämlich Energie, Bewegungspotential, Elastizität usw. Eine Korrelation ist bei derartiger Bewertung nicht zufällig, sondern zwangsläufig, bringt uns aber nicht wirklich weiter. Lineare Beschreibung heißt deshalb das Zauberwort, das zunehmend in der Warmblutzucht, ja auch in der Gangpferdezucht, gefordert wird (8). Wir müssen die Gangarten in die einzelnen Komponenten zerlegen. Natürlicher Takt, natürliche Haltung, Gangtrennung und -sicherheit könnten z. B. in simplen Abstufungen zwischen „stark“ bis „nicht vorhanden“ (2+//1+//0//1-//2-) beschrieben werden. Das nennt man lineare Beschreibung und dazu bieten sich insbesondere die Jungpferdeprüfungen an, wenn nämlich der Umwelteinfluss in Form des Reiters/Ausbilders kaum relevant ist. Täten wir dieses, so würden wir in kürzester Zeit aufschlussreiche Informationen über das ererbte Gangmuster unserer Pferde und auch über das damit verbundene – funktional passende – Gebäude (so diese auch linear beschrieben würde) erhalten.
Nur wenige Züchter haben uns bisher an Ihrem Erfahrungsschatz und den daraus hergeleiteten Gesetzmäßigkeiten teilhaben lassen. Die Möglichkeit, darüber in eine Diskussion einzutreten, wurde bislang noch nicht ausreichend wahrgenommen. Teilweise wird ihnen sogar die Wissenschaftlichkeit abgesprochen.
Kann Pferdezucht denn überhaupt Wissenschaft sein? Im alten Preußen stellte man dies noch nicht in Frage, ließ doch der Pferdezüchter Nernst aus Tilsit 1837 in den „Hippologischen Blättern“ verlauten: „Die Wissenschaft der Pferdezucht ist ein Zweig der Wissenschaft des Landbaus.“ (10).
Wissenschaft besteht darin, auf methodisch kontrollierte Weise neue Kenntnisse und Erkenntnisse zu gewinnen, die von jedem hinreichend Sachkundigen nachvollziehbar und überprüfbar sind.
Vor jeder Zucht steht erst einmal eine Zuchtidee (Grundannahme). Der Züchter überlegt sich genau, was er erreichen will und wie er dieses Ergebnis erreichen kann. Er plant seine Anpaarungen, lernt aus Fehlschlägen und Erfolgen, vermeidet Misslungenes und wiederholt Erfolgreiches (methodisch kontrolliert). Er reitet seine „Zuchtprodukte“ ein, lernt ihre Vorzüge und Schwächen kennen, vergleicht sie mit den Elterntieren, studiert Abstammungen und die Ergebnisse von Eigenleistungsprüfungen seiner Pferde und die ihrer Vorfahren und Verwandten. Und manchmal erkennt er plötzlich ein System hinter den erzielten Ergebnissen (erlangt Wissen aufgrund methodischen Vorgehens).
Und damit ist er mittendrin in einer Grundsäule der Wissenschaft, der empirischen Forschung. Die Empirie (griechisch empeiria = die Erfahrung) ist die auf methodischem Weg (durch absichtlich angestellte Beobachtungen und Versuche – hier gewollte und überlegte Anpaarungen) gewonnenen Erfahrung.
Und wenn jetzt der Züchter auch noch hingeht, seine so gewonnenen Erkenntnisse zu formulieren, dann haben wir es mit einer wissenschaftlichen Theorie zu tun. Voraussetzungen einer wissenschaftlichen Theorie sind die Offenlegung von Grundannahmen, die innere Widerspruchsfreiheit, die Möglichkeit bisher ungeklärte Phänomene durch die Theorie erklären zu können und ihre empirische Überprüfbarkeit (die gewonnenen Erkenntnisse bewähren sich in der Zuchtpraxis). Gregor Mendel, Begründer der Vererbungslehre, konnte die von ihm beschriebenen Gene nicht sehen, als er allein von seinen Züchtungsversuchen auf den Erbgang schloss. Schließlich hatten auch Watson und Crick noch keinen Blick auf die DNA (Desoxyribonucleinsäure – Träger der Erbinformation) werfen können. Allein die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung wurden mit ihrem DNA-Modell erklärbar. Erst viel später, als Elektronenmikroskope eingesetzt werden konnten, bestätigte sich, dass sie wirklich recht hatten.
Nicht nur in Deutschland hat man sich Gedanken zu der für uns so wichtigen Gangverteilung und Vererbung gemacht. Islandpferde sind schließlich nicht die einzigen Gangpferde auf der Welt. Interessanterweise wurde eine dem Bahl/Podlechschen Modell (11) vergleichbare Theorie anhand der Beobachtungen an nordamerikanischen Gangpferden (Eadie 1991) aufgestellt (12), die auch hier auf Interesse stoßen dürfte.
Eldon Eadie stammt aus einer Familie, die sich seit Generationen der Gangpferdezucht verschrieben hat. Er geht davon aus, dass bestimmte Bewegungsmuster dem Pferd angeboren sind. Und zwar ganz einfach deshalb, weil das Fohlen schon am ersten Tage seines Lebens imstande ist, der Mutter in den ihm angeborenen Gängen zu folgen. Müsste es bestimmte Gangbilder erst erlernen, so würde es dafür vermutlich mehrere Wochen, wenn nicht Monate brauchen. Eadie meint, dass sowohl Trab wie Pass von einem einzigen Genpaar vererbt wird. Ein Pferd (das ja immer eine spezifische Erbanlage vom Vater und eine von der Mutter erbt, also zwei für jedes einzelne Merkmal besitzt) kann dann nur genetisch die Kombination Trab/Trab, Trab/Pass oder Pass/Pass aufweisen. Ich persönlich glaube nicht an ein einziges Gen-Paar, stimme eher Butler-Wemken und anderen zu, einfach schon deshalb, weil die verschiedensten Erscheinungsformen der Gangveranlagung zu vielfältig in ihrer Ausgestaltung und die Übergänge zwischen den einzelnen charakteristischen Typen fließend sind. Außerdem ist Eadie der Ansicht, dass sich Trab dominant gegenüber Pass vererbt. Auch dem kann man so nicht unbedingt folgen, denn dann dürfte ja bei den Mischtypen die Passveranlagung nicht in Erscheinung treten, müsste verdeckt sein. Das ist sie aber auch nach seiner Theorie nicht. Es könnte sich also höchstens um eine unvollständige Dominanz (intermediärer Erbgang) handeln. Trotzdem ist seine Theorie in der Praxis von bestechender Klarheit und Pratikabilität und ebenso wie Bahl/Podlech eine brauchbare Methode, um zu befriedigenden Zuchtresultaten zu gelangen.
Entscheidender Punkt der Theorie Eadies ist aber, dass er von einer zusätzlichen Erbanlage (von ihm Modifikator genannt) ausgeht, die schwach, stark oder gar nicht vorhanden sein kann und den lateralen beziehungsweise diagonalen Zweitakt zum 4-Takt des Tölts aufzulösen vermag. Dabei handelt es sich meiner Meinung nach um denselben, in Deutschland von Bahl/Podlech beschriebenen Effekt, mag man ihn nun Energieform oder Modifikator nennen – wobei ich auch hier glaube, dass die Fähigkeit zur Auflösung des Zweitaktes zum Tölt von einer Vielzahl von Genen (die sich wiederum mehr oder weniger unabhängig voneinander vererben) verursacht wird und die Übergänge von „nicht vorhanden“ bis „stark“ fließend sind, also alle Abstufungen zulassen. Trotz alledem: Man sollte Eadie kennen.
Eadie, Eldon: The Genetics of Gait, in: 4-Beat, herausgegeben von der North America Style Footing Horse Association, Montana, Herbst 1991, S. 10 – 13; Stührenberg, Katja: Genetische Gangveranlagung, in: Hestur Nr. 105, März 2002, S. 30 – 31.
| Trab x Trab | Trab x Pass | Pass x Pass | |
| Starke Auflösung zum 4-Takt | Typ 3: Typischer Viergänger, Trab dominiert, Ausbildung zum reinen Tölt leicht möglich, meist guter Schritt. | Typ 6: Ideales Gangpferd, Ausbildung zum klaren 4-Takt bis ins hohe Tempo leicht möglich, meist guter Galopp. | Typ 9: Naturtölter, klarer Takt bis ins hohe Tempo, meist Rennpass, Trab und Galopp müssen durch Training erarbeitet werden. |
| Schwache Auflösung zum 4-Takt | Typ 2: Der Trab dominiert. Gebrochener Trab oder Trabtölt wird gezeigt, der zum klaren 4-Takt ausgebildet werden kann. | Typ 5: Trab und Pass können zu einer diagonalen oder lateralen 4-Takt-Variante aufgelöst werden. Der reine 4-Takt erfordert aber viel Ausbildung. Wenig Tempo-Varianz. | Typ 8: Nur Pass, Trab und Galopp im Bewegungspotential eigentlich nicht vorhanden, Erlernen von Passtölt und in langsamem Tempo sogar von reinem 4-Takt möglich. |
| Keine Auflösung zum 4-Takt | Typ 1: Nur Trab, keinerlei Tölt-Veranlagung. | Typ 4: Trab und Pass werden gezeigt, können jedoch nicht zum 4-Takt aufgelöst werden. | Typ 7: Nur Pass in unterschiedlichem Tempo, diagonales Bewegungsmuster nicht vorhanden, 4-Takt, Trab und Galopp müssen durch lange Ausbildung erlernt werden. |
Leistung und Gangveranlagung erfordert auch eine genaue Definition ihres Zweckes. Der Viergangspezialist braucht ein anderes Pferd als der Rennpassreiter, der Freizeitreiter stellt andere reiterliche Ansprüche als der WM-Aspirant. Leistung liegt beim gerittenen Pferd immer irgendwie zwischen Anspannung und Losgelassenheit. Beides ist nach Putz abhängig von Muskeltonus und Interieur. Es gibt ohne weitere Pferde, die von Natur aus dazu neigen, leicht zur Losgelassenheit zu finden (13). Die Ursache muss in uns noch unbekannten Stoffwechselvorgängen im Muskel liegen, der diesen zu einem schnellen Übergang zwischen Anspannung und Entspannung befähigen (und wahrscheinlich auch in einer großen psychischen Balance des Pferdes). Zu diesem Pferdetyp dürften die uns allen wohlbekannten lockeren Naturtölter gehören, die sich insbesondere für den Freizeitreiter hervorragend eignen. Nur ist der schnell zur Losgelassenheit neigende Muskel in der Regel nicht stark genug, um die Spannung für einen längeren Zeitraum zu halten. Und diese Spannung ist wiederum erforderlich für spektakulären Bewegungen, also im Sport. Pferde, deren Muskulatur für sportliche Leistungen ausgebildet ist, stellen erheblich höhere Anforderungen an ihren Reiter, da der Übergang von Anspannung zu Verspannung fließend ist (14). Der Sportreiter kann dies in der Regel auch leisten (15). Und einige Pferde bieten sich uns sogar „natur-verspannt“ an, für keinen Reiter besonders angenehm und nur mit größtem Können – manchmal kaum bis gar nicht – zu korrigieren. Die Erklärung dafür liefert Eadie.
Für eine erfolgreiche und risikoarme Islandpferdezucht wird man deshalb als Grundlage auf den lockeren Tölter oder wie von Feldmann einmal so passend ausgedrückt, das leichtrittige isländische Gangpferd (Zuchrrichterfortbildung Aldenghoor 1987), zurückgreifen müssen. Diese Pferde können problemlos mit ausdrucksstarken Vier- oder Fünfgängern angepaart werden, um den Nachkommen etwas mehr Chic und Sportlichkeit zu verpassen. Problemfälle wie Pferde mit wenig Tölt oder der Neigung zu gebundenen Gängen können eine Korrektur aber nur wieder über den lockeren Tölter erfahren. Hier gilt die alte Züchterregel: „Paare ähnliches mit ähnlichem, Fehler können nur über die absolute Korrektheit des anderen Partners, niemals aber über das andere Extrem ausgeglichen werden“. Und die absolute Korrektheit muss für uns in dem leichtrittigen isländischem Gangpferd gesehen werden. Zu berücksichtigen ist aber, dass nach Eadie ein starker Modifikator zwar das Trab/Trab-veranlagte Pferd zu einem guten Viergänger macht, das Pass/Pass-veranlagte Pferd dagegen zu einem lockeren Naturtölter, dem die ausreichende Spannung für den Rennpass fehlen könnte (16). Zu Recht sprechen Bahl/Podlech dann auch bei Trab und Pass von unterschiedlichen Energieformen (17).
Ganz sicher hat die Gangverteilung auch etwas mit bestimmten Exterieur- Merkmalen zu tun. Der gesetzte Tölt des Viergängers verlangt einfach nach einem von Natur aus weiter hinten liegenden Schwerpunkt. Erhabene Gänge sind nur einem Pferd möglich, dass gebäudebedingt die Fähigkeit zur Schwerpunktverlagerung nach hinten hat sich aufrichten kann. Der Rennpasser muss sich dagegen strecken.


Beschäftigt man sich mit dem Schwerpunkt des Pferdes und seiner Bedeutung für die Reiteigenschaften, kommt man wohl um den Klassiker Gregor von Ramaszkan (1940) nicht herum(18). Der Schwerpunkt des Pferdes befindet sich in der vorderen Körperhälfte (19), gestützt durch die vier Gliedmaßen. Die Schwerlinie wird bestimmt durch die Lage von Schulterblatt und Becken. Sie liegt beim stehenden Pferd nahe den Vorderbeinen (20). Bei einer steilen Schulter und einer geraden Kruppe ist der Schwerpunkt nach vorne verlagert, bei schräger Kruppe und Schulter liegt er weiter hinten (21).Die Lage von Schulterblatt und Becken bestimmt die SchwerlinieDas stehende Pferd bleibt solange im Gleichgewicht, bis die eigene Muskelkraft den Schwerpunkt im Verhältnis zur Stützfläche (das von den vier Gliedmaßen beschriebene Rechteck) verschiebt (22). Gerät die Schwerlinie aus der Stützfläche heraus (in der Bewegung), verliert das Pferd das bisherige Gleichgewicht und muss durch Versetzen der Beine wieder eine stabile Stützfläche herstellen. Seine Fortbewegung beruht auf dem Verlust des alten und der Wiederherstellung eines neuen Gleichgewichtes (23). Im Tölt tritt das jeweilige Hinterbein „unter“ den Schwerpunkt. Muskelkraft schiebt den Schwerpunkt dann nach vorne, das Vorderbein übernimmt in der Vorwärtsbewegung die Stützfunktion, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Durch das Wechseln der vorderen und rückwärtigen Stützen (= Beine) kommt es zu einer Pendelbewegung um den Schwerpunkt (24). Der rhythmische Schwung verringert auf mechanischen Wege den erforderlichen Aufwand an Muskelkraft für die Schwerpunktverschiebung. (25). Der flotte Naturtölter muss weniger Muslkelkraft aufwenden (und verfügt vielleicht auch nicht über einen hohen Muskeltonus) als der gesetzt töltende T1 – Teilnehmer.
Beugt das Pferd die Gelenke der Hintergliedmaßen, tritt „unter“ den Schwerpunkt, so belastet es die Hinterhand und entlastet die Vorhand (26). Die Schulter wird frei, die Gänge erhaben. Es hängt nicht zuletzt auch von der Haltung des Pferdes (und seiner Bereitschaft und exterieurbedingten Möglichkeiten) ab, ob seine Bewegungen eher weit oder aber erhaben sind (27).

Eine wesentliche Bedeutung kommt dabei zusätzlich dem Hals (und Kopf) als Balancierstange (und Gegengewicht) zu. Eine Verkürzung und Aufwölbung des Halses (Anm. der Verfasserin: wie beim gesetzten Tölt in hoher Aufrichtung) verlagert den Schwerpunkt innerhalb der Masse des Pferdes nach hinten, ein langer und und wenig aufgerichteter Hals verlagert diesen nach vorn (28) – die Streckung des Rennpassers (Anm. der Verfasserin).Zur Verdeutlichung der Bedeutung des Exterieurs für das Gleichgewicht des Pferdes seien die beiden Extreme – sehr kurze bzw. sehr lange Pferde – hervorgehoben, wobei natürlich 99 % aller Pferde „irgendwo dazwischen liegen“ (29). Die hinteren Extremitäten des sehr langen Pferdes sind weit von der Schwerlinie entfernt. Es wird nur schwer zu einer vermehrten Gewichtsaufnahme durch die Hinterhand und zur Aufrichtung finden (30). Es ist weniger wendig (Anm.: Galopp mit dem naturtölt-veranlagten Fünfgänger auf dem Zirkel?) und bevorzugt gestrecktere Gangarten (31). Dem trägt die Ausgestaltung der T2 Rechnung, indem eben nicht Arbeitstempo sondern langsames ruhiges Tempo verlangt wird. Denn es besteht wohl Einigkeit darüber, dass der Fünfgänger in der Regel deutlicher im Langrechteck steht als der Viergänger und er sein natürliches Gleichgewicht am leichtesten nahe dem Mitteltempo findet.
Dem kurzen Pferd dagegen fällt es leicht, die Hintergliedmaßen nahe an die Schwerlinie zu bringen, es richtet sich bereitwillig auf und lässt sich leicht in verkürzten Gangarten reiten (32), ist wendig (Anm.: gesetzter Tölt und Galopp auf dem Zirkel - mit dem Viergänger kein Problem!).
Von Ramaszkan schließt daraus, dass jedes Pferd schon von Natur aus über individuelle Bewegungsmöglichkeiten entsprechend seinem Körperbau und seinem natürlichem Gleichgewicht verfügt.
Ich bin mir durchaus bewusst, dass meine Ausführungen nicht dazu angetan sind, fertige Lösungen anzubieten. Das war auch nicht beabsichtigt. Ich möchte nur dazu anregen, sich intensiv mit den sich uns stellenden Fragen zu beschäftigen. Wir haben bisher (wenn auch spärlich) durchaus brauchbare Modelle. Ob sie nun der Weisheit letzter Schluss sind, mag dahin gestellt bleiben. Auffällig ist, dass sich die verschiedene Theorien aller mir bekannten Autoren (selbst aus dem Warmblutbereich) nicht widersprechen, sondern ergänzen und sich zu einem zwar noch verschwommenen, aber immer deutlicher werdenden Bild zusammen fügen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Bahl/Podlech das Modell Eadie differenziert haben, indem die Gleichgewichtslehre, Exterieur-Unterschiede, die innere Balance des Pferdes und das Zusammenspiel von Anspannung/Losgelassenheit ebenfalls Berücksichtigung finden. Aber wie jede wissenschaftliche Theorie „schreit“ auch sie nach argumentativer Auseinandersetzung. Denn zur Wissenschaft gehört ebenso, dass es zur Meinung eine Gegenmeinung gibt. Nur aus einer inhaltlich fruchtbaren Diskussion darüber kann wirklicher Fortschritt und wirkliche Erkenntnis gewonnen werden. Der eingangs erwähnte Hippologe Nernst sagt dazu schlicht. „Stillstand gibt es nirgends in der Schöpfung, und wer nicht vorwärts geht, geht rückwärts.“ (33) Der große Mann der Islandpferdezucht, Thorkell Bjarnarson, hielt den Eintritt in eine entsprechende Sachdiskussion schon 2001 für längst überfällig (34).
Bahl, Imke/ Podlech, Bruno: Keine Zucht ist manchmal besser, in „Das Islandpferd“ Jan/Feb 2006; dies.: Günstig: Viergänger – kann Fünfgänger werden, in „Das Islandpferd“ 2005/107 S. 40 – 42, Fußnoten 11, 17.
Eadie, Eldon: The Genetics of Gait, in: „4-Beat“, herausgegeben von der North America Style Footing Horse Association, Montana, Herbst 1991, S. 10 – 13, Fußnoten 12, 16.
Distl, Ottmar, Institut für Tierzucht und Vererbung, Tierärztliche Hochschule Hannover : Erforschung des Pferdeerbgutes, in „Freizeit im Sattel“ 2006/2 , S. 6, Fußnote 3.
„Eidfaxi International“ 2004/2, BLUP – Interviews mit Züchtern, S. 46 – 50, Fußnote 5.
„Eidfaxi International 2005/4, Interview mit Oli Petur Gunnarsson, S. 10, Fußnote 5.
Einarson, Jens: Soll die Gebäudebeurteilung abgeschafft werden? Diskussionsabend Pferdezentrum Ingolfshvoll, in „Eidfaxi International“ 2001/2. S. 44 unter Zitierung Reynir Adalsteinsson und Thorkell Bjarnarson, Fußnoten 1, 9, 34.
Einarson, Jens: Erfahrung ist ein Wertvoller Schatz, Interview mit Andreas Trappe, in „Eidfaxi International“ 2005/5 S. 52, 54, Fußnote 14.
FN Jahrbuch Zucht 2005/3 S. 11, Fußnote 6.
Köhler, H.-J.: Pferdekenner und Fehlergucker, Verden 1982, S. 142, Fußnoten 10, 33.
von Lengerken, Gerhard/Schwark, Hans-Joachim: Exterieur und Leistungszucht in der Pferdezucht – Alleskönner oder Spezialisten, in „Arch. Tierz.“, Dummersdorf 2002/45 S. 68 – 79, Fußnoten 1, 5.
Marahrens, F. / Schwertler, H.: Lineares Beschreibungssystem auch in der Pferdezucht, in „Der Tierzüchter 1987/39, S. 26 – 97, Fußnote 8.
von Ramaszkan, Gregor: Pferde und Reiter im Gleichgewicht, Rüschlikon-Zürich/Stuttgart/Wien, 3. Auflage, Fußnoten 18, 19 (S. 17), 20, 22 (S. 18),23, 24 (S. 19) 25 (S.20), 26 (S. 18), 27 (S. 23), 28 (S. 21), 29 (S. 23), 30, 31, 32 (S. 24).
Putz, Michael: Fachgerechte und pferdemäßige Ausbildung junger Pferde, in „Hippo-logisch!“ Warendorf 2005, S. 107, 109, Fußnoten 13, 15.
Reissmann, Monika, Humboldt-Universität Berlin, Landwirtschaftliche Fakultät, beim „Neustädter Sachverständigenseminar für Zucht, Haltung und Bewertung von Pferden“, Landgestüt Neustadt/Dosse Oktober 2005, Fußnote 4.
Rostock, Andrea-Katharina: Zuchtwertschätzung als Grundlage der Selektion, in „Das Islandpferd“ 2003/96, S. 54 ff, Fußnote 6, dies.:Statt eines Horoskops, in „Das Islandpferd“ 1989/7 S. 5, Fußnote 2.
Schacht, Christian: Reitkunst im 21. Jahrhundert, in „Hippo-logisch!“ Warendorf 2005, S. 119, 122, Fußnote 21.
Sommerfeld-Stuhr, Irene, Veterinärmedizinische Unuversität Wien, Vorlesungsskript Tierzucht, Wintersemester 2004/2005, Fußnote 7.
Stührenberg, Katja: Genetische Gangveranlagung, in: „Hestur“ 2002/105, S. 30 – 31, mit weiteren Nachweisen, Fußnote 4, 12, 16.
Zuchtprogramm des Schweizerischen Freiberger Zuchtverbandes (SFZV) vom 17. Dezember 2001, Fußnote 8.
Zürrer, Robert: Die beschwerliche Suche nach dem „Tölt-Gen“, in „Pasoclub International PCI – PCI-Gazette“ 26, Fußnote 4; ders./Tschümperlin, Carla: Exterieur-Beurteilung der Pferde durch lineare Beschreibung – Eine Methode für die Aufnahme von PCI-Pferden in das Herdbuch, in „Pasoclub International in PCI Gazette“ 19, Fußnote 8.
Umstätter, Christina: Zuverlässigkeit der Exterieur-Beurteilung im Hinblick auf die Zuchtwertschätzung bei Brandenburger Warmblustuten, http://www.ib.hu-berlin.de, Fußnoten 1, 5.
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