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Von Steppennomaden und Wikingerhäuptlingen

Im vergangenen Jahr referierte eine renommierte Ethologin (Zeitler-Feicht 2006) anlässlich des Deutschen Pferderechtstages in Aachen zum Thema Pferdehaltung und Tierschutz. Sie führte aus, dass das Pferd – ursprünglich ein Steppentier – die größte Temperaturtoleranz aller Haustiere aufweist. Soweit so gut – dies ist bekannt und verwundert nicht. In den südrussischen Steppen und in der Mongolei, wohl Keimzellen ursprünglicher Pferdepopulationen, variiert die Temperatur von 30 Grad Kälte im Winter bis zu 40 Grad Hitze im Sommer. Hinzu kommt ein spärlicher Baumbestand von nur 10 % der Gesamtfläche – wenig Witterungsschutz also, dafür ungeschützte Angriffsfläche für den scharfen Steppenwind.

Gleichwohl wurde in dem Referat – namentlich auch für Islandpferde – die Notwendigkeit eines künstlichen Witterungsschutzes betont. Die Vortragende bezog sich auf den Entwurf einer Verschärfung von Tierschutzrichtlinien (TVT 2005 a), wonach alle Pferde – auch Isländer – bei schlechtem Wetter einen Witterungsschutz aufsuchen würden. Stimmt dies wirklich? Leider nennt der angesprochene Entwurf keine Quelle, keine wissenschaftliche Studie als Grundlage. Und bedauerlicherweise ist es auch in der Wissenschaft oft so, dass einer vom anderen abschreibt und plötzlich ist etwas ohne wirklich stichhaltige Begründung in der Welt. Eigentlich berichten Islandpferdehalter, dass ihre Pferde von den zur Verfügung gestellten Unterständen auch bei schlechter Witterung höchst selten Gebrauch machen. Vielleicht lohnt es sich, der Sache doch einmal auf den Grund zu gehen.  

Das Leben in der Steppe

Noch heute leben in der Mongolei Pferdeherden von unglaublicher Größe, überwiegend genauso wie zur Blütezeit der asiatischen Reitervölker vor mehr als 2.000 Jahren (ZDF-Reportage 2004; DAI International 2006) als Haustiere der Steppennomaden – ohne Ställe und Unterstände und auch ohne Zufütterung. Und diese Pferde ähneln in auffälliger Weise genau den Pferden, die wir als Importpferde der 60er Jahre aus Island kennen. Zudem sind mongolische Pferde Gangpferde, bieten Pass und Tölt an. Eine enge genetische Verwandtschaft muss daher zweifelsfrei bestehen. Könnten sich daneben vielleicht auch übereinstimmende Haltungsformen beibehalten haben, die sich nicht zuletzt aus den wirklichen Bedürfnissen der Pferde ergeben?

Die Steppennomaden trieben ihre Herden im Winter auf die sogenannten „Winterweiden“. Auf Sümpfen oder Mooren oder in der Laubdecke des Waldbodens fanden die Tiere immer noch ihr Futter. Als Schutz vor Schneestürmen diente ein Waldstreifen oder eine provisorische Wand. Die Herdentiere lebten im Sommer und Winter frei, gleich freien Wildtieren (Jankovich, S. 13).

Pferdehaltung nach altgermanischer Sitte

In Island weideten die Pferde – nach altgermanischer Sitte – das ganze Jahr im Freien, blieben dadurch gesund. Pferde konnten im Winter tiefer nach Nahrung scharren als Schafe und erhielten nur bei sehr schlechtem Wetter mit mehrtägigen Schneestürmen in Hofnähe einige Heubündel hingeworfen (Stoffregen/Büller, S. 49). Nur ausgewählte Reitpferde kamen im alten Island in den Genuss, im Winter zugefüttert zu werden (Stoffregen/Büller, S. 51). Im Süden Islands beobachtete der Islandreisende Bruun im Jahr 1902 rund gebaute Schutzwälle, in denen die Pferde Deckung vor Schneestürmen finden konnten (Stoffregen/Büller, S.124, 126). Sie glichen denen, die man noch heute bei den Steppennomaden in Kasachstan vorfindet (Flade, 2007).

Was Wikinger und Steppennomaden verbindet

Es muss also zwischen den russisch-asiatischen Steppenvölkern und den Wikingern immerhin so intensive Kontakte gegeben haben, dass sich eine ähnliche Haltungsform der Pferde entwickelte, die den natürlichen Bedürfnissen eben dieser doch recht ähnlichen Pferde entsprach. Verwunderlich ist es nicht, denn die Wikinger erschienen mit ihren Schiffen überall, wo sie auf Warenaustausch und Beute hoffen konnten, sie drangen auf den schiffbaren Flüssen bis weit in den eurasischen Kontinent vor, kamen dabei auch mit der dortigen Herdenzüchterkultur in Berührung und haben der europäischen Reiterwelt östliche Kulturgüter vermittelt (Jankovich, S. 166). Schließlich weisen gewisse Anzeichen auf eine mit den Nomadenzüchtern gemeinsame ideelle Einstellung zum Pferd hin, wie z. B. das Aufhängen von Pferdeschädeln (Jankovich, S. 164). Pferdeköpfe wurden auch in Island an Hofgiebel und Tore genagelt, um die reitenden Himmelsgötter zu ehren, böse Geister fernzuhalten und zum Schutz vor dem Strafarm Thors, der Haus und Speicher durch Blitze in Schutt und Asche legen konnte (Stoffregen/Büller, S. 68). Die frühesten Spuren der Verbreitung östlicher Reitersitten sind in kultischen Dingen feststellbar. Ein Zeichen dafür ist die mittelasiatische Reiterbestattung, die Beerdigung des Reiters gemeinsam mit dem Pferd (Jankovich, S. 168). Wie in den Skythengräbern (einem Reitervolk aus der südrussischen Steppe, 8. bis 3. Jahrhundert v. C.) im Altaigebirge am Rande der Mongolei (Trippett 1974) finden sich auch in skandinavischen und isländischen Gräbern häufig Waffen und Pferdeskelette (Stoffregen/Büller, S. 70).

Das perfekte Heizungssystem 

An der Haltung der Pferde hat sich sowohl in den eurasischen Steppen wie auch auf Island über die Jahrhunderte wenig geändert. Erst die zunehmende sportliche Nutzung in allerjüngster Zeit führte zu einem Wechsel in Island, nicht aber in den eurasischen Steppen. Diese relativ kurze Zeit dürfte aber auch in Island nicht ausgereicht haben, den Pferden ihre ursprüngliche Robustheit zu nehmen und ihnen heute andere Bedürfnisse zu unterstellen. So kann man wohl davon ausgehen, dass es sich bei den heute lebenden Islandpferden ebenso wie den Pferden der Steppennomaden um außerordentlich harte und temperaturresistente Tiere handelt. Nun ist diese Tatsache an sich schon nicht bedeutungsvoll, gehört doch das Pferd zu den Säugetieren mit der größten Temperaturtoleranz überhaupt. Selbst bei Temperaturunterschieden von 15 Grad plus bis zu 10 Grad minus sind keine Stoffwechselreaktionen feststellbar (Rahn, 1995). Sogar arabische Pferde sind erstaunlich kälteunempfindlich, Napoleon ritt in seinem Russlandfeldzug den Araberhengst „Visir“, der ihn wohlbehalten die lange Strecke von Paris nach Moskau und zurück trug. Für Napoleons Armee endete das Abenteuer bekanntlich nicht ganz so glimpflich. Pferde verfügen über ein einzigartiges „Heizungssystem“. Ca. ein Drittel der gesamten Blutmenge des Pferdes befindet sich in der Haut (Flade, 1989). Jedes Pferd ist also ständig umgeben von seiner eigenen gut funktionierenden Heizung. Der Speckmantel, den sich Islandpferde in der Zeit von September bis November anfressen, tut ein übriges. Ein Pferd kann sich daher gar nicht in dem Sinne wie ein Mensch erkälten (Rahn, 2005). Voraussetzung der „Funktionstüchtigkeit“ ist lediglich, dass in ausreichendem Maße Futter- bzw. Energie zur Verfügung steht. Eine Heizung muss befeuert und auch die „Speckisolierung“ muss aufgebaut und erhalten werden.

Der Schutz der Herde

So brauchen auch die meisten Pferde bei schlechtem Wetter ihren Offenstall gar nicht aufzusuchen (Bruns, 1958). Darin schlafend findet man sie ohnehin nicht. Dies kann höchstens bei sehr kleinen und sehr vertrauten Pferdegruppen beobachtet werden. Wirklich geschlafen – in Seitenlage – wird am liebsten in den Mittagsstunden, auf einer Anhöhe (Bender, 1992), und auch nur, wenn die Hälfte der Herde „Wache“ hält. Die Verfasserin selbst hatte erst kürzlich Gelegenheit, eine größere Herde in einem renommierten Islandpferdegestüt zu beobachten. Das Wetter war schrecklich. Sturm, Kälte, waagerechter Regen. Obwohl die Offenställe großzügig bemessen waren, fanden sich dort nur einige vereinzelte Tiere unter dem Dach. Der größte Teil der Herde stand draußen, eng aneinander gedrängt, Kopf gesenkt und Kruppe gegen den Wind. Eine langjährige Züchterin erzählte in einem persönlichen Gespräch einmal, dass sie ihre Stutenherde bei sehr schlechtem Wetter über einige Zeit beobachtet hätte. Auch dort wären die Pferde nicht in den Stall hineingegangen, sondern hätten sich draußen in der oben geschilderten Weise aufgehalten. Dabei konnte sie beobachten, dass die Pferde regelmäßig die Plätze tauschten. Jeder durfte einmal „drinnen“, jeder musste einmal „draußen“ stehen. Nach meiner Auffassung ist das Verhalten aus der Abstammung und Entwicklung des Islandpferdes heraus zu verstehen. Der Schutz des Individuums im Schneesturm ist nur beim Überleben der ganzen Herde gewährleistet. Das „Draußenstehen“ ist nicht etwa unangenehm und quälend, sondern verbraucht einfach Kalorien. Und damit die gesamte Herde überleben kann, müssen alle Mitglieder gleichmäßig die Möglichkeit zum Energiesparen erhalten. Denn im Winter ist das Futter in der Natur rar. Der Instinkt weiß nicht, dass heute der Mensch die regelmäßige Fütterung übernommen hat.

Wind verbraucht Kraft

Wie wir alle wissen, ist die gefühlte Temperatur auch abhängig von der Windgeschwindigkeit. Und Windschutz gab es schon bei den Steppennomaden vor über 2.000 Jahren und den Nachkommen der Wikinger mehr als 1.000 Jahre später. Und   ebenso wie wir alle beobachten können, dass unsere Pferde den Stall eher selten aufsuchen, wissen wir doch, dass sie sich bei Witterungsextremen gerne in der Nähe ihres Unterstandes oder im Schutz von Hecken oder Wällen aufhalten (Bender, 1992).

Diesen Umständen tragen auch die isländischen Tierschutzbestimmungen Rechnung. Sie gehen selbstverständlich davon aus, dass Pferde im Freien überwintern und verlangen lediglich einen sicheren und geeigneten Windschutz. Außerdem fordern sie eine ausreichende Versorgung mit Futter sowie regelmäßige tägliche Kontrolle (Behrens, 2001). 

Pelzmantel und Regenschutz 

Dass unsere Pferde zusätzlich noch einen besonderen Fellaufbau haben, dürfte nicht in erster Linie etwas mit der Kälte zu tun haben, sondern vielmehr mit der Nässe. Unter dem wolligen Unterhaar des Winterfells finden sich lange Grannenhaare, die sich bei Regen dachziegelartig anordnen und das Wasser abtropfen lassen, ohne dass die darunter liegende Wolle nass wird. In Island werden zwar nicht die extremen Temperaturen der asiatischen Steppe erreicht, dafür liegt aber die Menge der jährlichen Niederschläge, zumindest im Süden des Landes, um das 10-fache höher. Und selbst das haben unsere Pferde immerhin schon 1.000 Jahre prima ausgehalten.

Dabei wird allgemein angenommen, dass das Pferd oberhalb des 61. Breitengrades, seiner nördlichen ursprünglichen Verbreitungsgrenze (Jankovich, S. 29, 53), nicht ohne Stall und menschliche Fürsorge überlegen kann (Jankovich, S. 13). Nun, das Islandpferd auf seiner Insel am Polarkreis belehrt diese Theoretiker eines besseren. 

Ein bisschen Wildpferd sein dürfen 

Aus alledem geht ganz klar hervor, dass ich nach wie vor der Auffassung bin, dass Islandpferde nicht unbedingt einen Offenstall brauchen. Machen wir uns nichts vor – wirklich „artgerechte Haltung“ bedeutet für ein Islandpferd, „frei in den isländischen Bergen“ ohne menschlichen Einfluss zu leben. Alles andere ist ein Kompromiss. Voraussetzung einer Überwinterung ohne künstlichen Witterungsschutz ist allerdings, dass die Pferde in einer größeren Herde gehalten werden, die Landschaftsformation natürlichen Windschutz bietet, die Weidefläche für trockene Schlaf- und Futterplätze groß genug ist (oder sonst dafür gesorgt wird, dass kein Pferd im Schmutz oder Matsch liegen muss) und den Pferden erlaubt wird, sich im Herbst eine natürliche Speckschicht anzufressen. Etwas anderes muss natürlich für hochtrainierte Sportpferde gelten (Steinsson/Behrens, 2000). Aber auch ihnen sollte regelmäßig in Abständen die Möglichkeit gewährt werden, immer wieder zeitweise im Herdenverband möglichst ursprünglich zu leben.

 

Quellen und Literatur: 

Behrens, Petur: Übersetzung der isländischen Tierschutzbestimmungen, 2001.
Behrens, Petur, zit. in „Eidfaxi International“ 2001, Nr. 3, S. 59.
Bendolf, Ingolf: Handbuch Offenstallhaltung, Stuttgart 1992.
Bruns, Ursula: Ponys, Stuttgart/Wien 1958.
Deutsches Archäologisches Institut (DAI): Das eisige Grab des Reiterkrieges, Abenteuer Archäologie 4/2006, S. 84 ff., http://www.daist.org/15.01.2007.
Flade, Johannes-Erich/Gleß, Karl-Heinz: Kleinpferde - über Rassen, Verhalten, Züchtung und Haltung, Beurteilung und praktischen Umgang mit Kleinpferden, 3. Auflage, Berlin 1989.
Flade, Johannes-Erich: Das Achal-Teke-Pferd, http://www.achal-tekkiner.de/17.01.2007.
Jankovich, Miklas: Pferde, Reiter, Völkerstürme, BLV Verlag, München-Basel-Wien.
Rahn, Antje: Haltung und Gesunderhaltung von Sportpferden in „Hippo-logisch!“ Interdisziplinäre Beiträge namenhafter Hippologen rund um das Thema Pferd, Warendorf 2005.
Rahn, Antje, zit. in „Hestur“ Nr. 81, Fachmagazin für Islandpferdefreunde, März 1996, S. 50 und „Wertermittlungsforum“, Vierteljahreszeitschrift des Sachverständigenkuratoriums für Landwirtschaft, Heft 2/2. Quartal, 1995.
Steinsson, Ingemar/Behrens, Petur: Magere Herden in „Eidfaxi International“ 2000, Nr. 2, S. 16.
Stoffregen/Büller, Michael: Islandpferde, Reiten und Züchten am Polarkreis, Münster 2005.
Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz: Positionspapier zu den „Leitlinien zur Beurteilungen von Pferdehaltung unter Tierschutzgesichtspunkten“, TVT Merkblatt 2005 a.
Trippett, Frank: Die ersten Reitervölker, Timelife-Verlag, 1974.
ZDF-Reportage vom 06.06.2004: Das Amazonenrätsel (Wissen und Entdecken), http://www.zdf.de/21.02.2007.
Zeitler-Feicht, Margit: Verhaltenskunde der Pferde und tierschutzrechtliche Folgen, Deutscher Pferderechtstag Aachen, 2006.


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