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Stolz und Vorurteil

Am Stolz kann man sie nicht mehr packen, die Islandpferdefreunde. Längst setzt sich auch der „deutsche Mann von Ehre“, selbst der gut betuchte, (mit Vorliebe) auf ein Islandpferd. Also versucht man es in anderer Weise. Hierzu bietet sich aktuell sicher der Tierschutzgedanke an. Fleißig wird geschrieben über viel zu schwere Reiter auf viel zu kleinen Pferden und über ungemütliche Haltungsbedingungen statt „kuscheliger“ Boxen. Einige Magazine, auflagensteigernd zuweilen „auf Krawall gebürstet“, veröffentlichen so etwas gerne.  Wissenschaftliche Studien werden für diese Behauptungen nicht angeführt. Da der Mensch nun einmal geneigt ist, seine eigenen Bequemlichkeitsvorstellungen auf die ihm anvertrauten Tiere zu übertragen und deshalb derartige Äußerungen bei unkritischen Lesern auf fruchtbaren Boden fallen und wohl auch fallen sollen, nenne ich eine solche Vorgehensweise schlicht populistisch. Schnell entwickeln sich daraus Vorurteile.

Dabei fällt mir spontan die bekannte Tierärztin, hippologische Sachverständige und Fachbuchautorin Dr. Antje Rahn ein, die schreibt: „Leider verstellen Kommerz und Eitelkeit, das permanente „Befummeln“ und die Vermenschlichung der Pferde vielfach den Blick auf ihre tatsächlichen Lebensbedürfnisse, die entsprechend selten Berücksichtigung finden. Die Haltungs- und Nutzungsbedingungen des  in den letzten 40 Jahren zum Luxus- und Freizeitobjekt stilisierten Pferdes widersprechen vielfach seinen entwicklungsgeschichtlichen, über Millionen von Jahren determinierten Lebensbedürfnissen. So wie man einen Fisch nicht auf dem Trockenen halten kann, aus einem Pflanzenfresser kein Fleischfresser zu machen ist, so kann ein hochspezialisiertes Lauf- und Fluchttier mit extremem Luft- und Bewegungsbedürfnis nicht ohne Schaden wie ein Höhlenbewohner gehalten werden. Dem Menschen, seit Urzeiten Höhlenbewohner bzw. Wohnungsliebhaber, fällt es schwer, den Stall als etwas für ein Steppentier a priori unnatürliches zu empfinden. Er überträgt sein eigenes Bestreben nach Gemütlichkeit und kuscheliger Wärme gedankenlos auf sein Pferd, doch auf die Stallhaltung können wir weniger im Interesse der Pferde, als vielmehr im Interesse unserer eigenen Lebensweise und Bequemlichkeit nicht verzichten. Wir brauchen den Stall, um unsere Pferde verfügbar zu halten und angenehme Arbeitsbedingungen für ihre Versorgung zu schaffen. (.....) Gesunde und gut genährte Pferde sind gegen Kälte unempfindlich. (.....) Der Mensch friert 20 mal mehr als das Pferd. (.....) Darüber hinaus sind Pferde gegen Zugluft unempfindlich und ganz hervorragend in der Lage, einseitige Abkühlungen auszugleichen. Effektive Thermoregulationsmechanismen verleihen dem Pferd die ausgeprägteste Hitzetoleranz aller Haustiere – ein logisches Erbteil seiner steppenbewohnenden Vorfahren, deren schutzloser Lebensraum von intensiver Sonne, Wind und starken Temperaturdifferenzen geprägt war. Pferde können sich nicht erkälten!“ („Hippo-logisch!“ Interdisziplinäre Beiträge namenhafter Hippologen rund um das Thema Pferd, FN-Verlag 2005, Herausgeber Dr. Sascha Brückner).

Angesichts der Übertragungsneigung eigener Befindlichkeit auf unsere Tiere ist es wohl nicht verwunderlich, dass ich kürzlich bei einem Spaziergang in unserem Wald lauter Nistkästen an den Bäumen aufgehängt sah – in ordentlicher Reihe versteht sich. Die normierte Eigenheimsiedlung für Vögel. Wenn ich mich recht erinnere, kümmerten sich die Vögel meiner Kindheit noch selbst um ihre Nistplätze.

Stall oder freie Natur? 

Es ist schlichtweg nicht richtig, wenn behauptet wird, ein Islandpferd würde sich in einer warm eingestreuten Box wohler fühlen als in der Freiheit der Natur. Jeder Islandpferdehalter weiß, dass zur Verfügung gestellte Weideunterstände selten aufgesucht werden. Und selbst wenn – würde dies noch nicht bedeuten, dass die Pferde einen Stall bräuchten. Ein Pferd strebt auch zur geöffneten Futterkiste, wobei der unbeschränkte Genuss des Inhaltes ihm selten gut tut, sondern sein vorzeitiges Ende bedeuten kann. Auch bei schlechter Witterung bleibt das Islandpferd lieber im Herdenverband draußen, die Kruppe gegen den Wind gestemmt wie seit Tausenden von Jahren. Man darf nie vergessen, dass in der südrussischen und mongolischen Steppe, der Heimat ursprünglicher Pferdepopulationen, extreme Temperaturunterschiede zu ertragen sind – das alles ohne Stall und Einstreu auf nahezu baumloser Steppe! Gegen Kälte sind Pferde resistent, dies gilt für den Vollblutaraber genauso wie für das Islandpferd. Wer Gegenteiliges behauptet, kennt die Temperaturschwankungen der Wüste nicht. Und schließlich bewältigte Napoleon den gesamten Russlandfeldzug (die dramatischen Umstände durch frühen und extremen Wintereinbruch sind aus dem Geschichtsunterricht bekannt) auf seinem Araberhengst „Visir“, der ihn nach Moskau und auch wieder zurück nach Paris trug.

Ein stärkeres Problem stellt schon eher die Nässe dar. Insbesondere Südisland zeichnet sich durch hohe Niederschlagsmengen aus. Aber eben gegen diese Witterungsunbill entwickelte das nordische Pony das doppelte Haarkleid für den Winter. Das Pferd ist geschützt durch wärmende dichte Unterwolle. Darüber liegen die Grannenhaare, die sich bei Regen dachziegelartig anordnen und das Wasser abtropfen lassen, so dass die Unterwolle stets trocken bleibt. Weiterhin tut die im Herbst angefressene Speckschicht, ebenso wie die bei Pferden besonders dicke Haut (weshalb sich Schuhe aus Pferdeleder besonderer Beliebtheit erfreuten) ein Übriges. In der Haut des Pferdes fließt durch ein weit verzweigtes Adernetz ständig 1/3 der gesamten Blutmenge – ein urzeitliches Zentralheizungssystem. Das alles zusammen ist an Perfektion nicht zu überbieten und lässt einen modernen Heizungstechniker vor Neid erblassen. Würde man die vielfach geforderten Haltungsbedingungen als allgemeingültig ansehen, so wäre wohl die Haltung der Dülmener Herde im Meerfelder Bruch ebenso wie die Liebenthaler Wildlinge (ein Tarpan-Rückzüchtungsversuch) wie auch die Auswilderungsprojekte von Konikherden samt und sonders tierschutzwidrig. Dabei dürfte das Islandpferd ohnehin noch robuster sein als die genannten Beispiele. Allgemein wurde nämlich immer davon ausgegangen, dass Pferde oberhalb des 61. Breitengrades – ihrer natürlichen Verbreitungsgrenze – nicht ohne menschliche Fürsorge überleben können. Das Islandpferd belehrt diese Theoretiker seit 1000 Jahren eines besseren.

Sicherheit durch klare Rangordnung

Teilweise werden sogar Behauptungen geäußert, dass das Zusammenleben im engen Herdenverband Stress durch die Gegenwart ranghoher Tiere auslöse. Auch hier wird wiederum deutlich, wie sehr man Verhaltensweisen von Pferden vermenschlicht. Der mündige Bürger, das unabhängige Individuum, ist von der Natur nicht als Erziehungsziel innerhalb von Pferdepopulationen vorgesehen. Aufklärung, Revolutionen und Studentenbewegung sind an dem Sozialverhalten der Pferde spurlos vorübergegangen. Das Überleben des Einzelnen wird erst durch den Herdenverband gesichert, in dem eine streng gegliederte Hierarchie herrschen muss. Dies gilt insbesondere für das nordische Pferd. Um sich im Ernstfall tatsächlich gegen Feinde und Witterungsunbill schützen zu können, muss jeder in der Herde seinen Platz kennen. Stress verursachen daher viel eher unklare Rangverhältnisse. Man kann dies oft bei einem unsicheren und zögerlichen Reiter erleben. Pferde werden dadurch selbst ängstlich und unsicher. Es ist der starke Reiter, der Vertrauen und Sicherheit vermittelt.

Zu klein, zu schwach?

Die weiter aufgestellte Behauptung, erwachsene Männer wären zu schwer für ein Islandpferd, entbehrt jeder Grundlage. Vergessen wir nicht, dass es Panje-Ponys waren, die die Geschütze der gescheiterten deutschen Armee aus dem Dreck zogen. Es war ein Pony, dass Mao auf dem langen Marsch über 10.000 km ritt. Highlandponys transportieren erlegte Hirsche (die weit mehr wiegen als ein ausgewachsener Mann) ins Tal. Der Haflinger – auch er ein Pony – war ursprünglich Militärpferd zum Tragen schwerer Lasten in bergigem Gelände. Kein Engländer würde auf die Idee kommen, einen Cob als Kinderpony einzuordnen. Islandpferde nahmen anlässlich der amerikanischen 200-Jahr-Feier (1976) am längsten Pferderennen der Welt auf den alten Pfaden von der Ost- zur Westküste des Kontinents teil – als einzige Rassengruppe ohne einen einzigen Ausfall und geritten von ausgewachsenen Männern.  Bereits Reisende vergangener Jahrhunderte (vgl. Islandpferde, Reiten und Züchten am Polarkreis, Michael Stoffregen-Büller, Münster, 2005) wussten ebenso von der ungeheuren Leistungsfähigkeit des Islandpferdes zu berichten wie der Hippologe Samuel von Nathusius (Schwarzeneckers Pferdezucht, 1910). Schon der ehemalige FEIF-Präsident Dr. Isenbügel zitierte vor über 40 Jahren in seiner Dissertation Untersuchungen, die die überlegene Kraft des Islandpferdes belegen („Das isländische Pony“, Dr. Ewald Isenbügel, Zürich 1966). Die Muskeln, deren besondere und kräftige Beschaffenheit beim Islandpferd längst nachgewiesen wurde, sind es schließlich, die das Skelett tragen (vgl. auch Prof. Klee, DIP Nr. 114, November/Dezember 2006, S. 30 ff.). Ein Verweis auf Gewichtsbegrenzung beim Championat der Deutschen Reitponys zieht nicht. Dort sind nur Deutsche Reitponys zugelassen, also Exemplare einer jungen, durch Vollblut- und Arabereinkreuzung entstandenen Rasse. Die reinen, meist englischen Ponyrassen haben dort keine Startberechtigung. Zum anderen handelt es sich bei den dort gezeigten Pferden auch nur um junge Pferde. Die Gewichtsbegrenzung gilt nur für Drei- und Vierjährige (vgl. Ausschreibung Bundes-Championat 2007). Prüfungen für drei- und vierjährige, gerittene Pferde bietet der IPZV aus wohlüberlegten Gründen überhaupt nicht an. Junge Pferde bis zur vollständigen Ausbildung von Skelett und Muskulatur sollten natürlich generell nur von leichtgewichtigen Reitern angeritten werden. Das gilt für Großpferde so gut wie für Ponys.

Sieht man sich ein wenig bei künstlerischen Pferdedarstellungen der Vergangenheit um – vom Parthenonfries der Akropolis über erhaltene Reiterstatuetten Karls des Großen, Hunnenzeichnungen der Chinesen bis zu Husarengemälden des 19. Jahrhunderts (vgl. Charles C. Trench, Geschichte der Reitkunst, München 1970) – dann erkennt  man: Die Pferde waren durchweg klein, sehr klein sogar, auch im Verhältnis zu ihren damals noch kleineren Reitern. Es ist nicht einzusehen, weshalb die Pferderassen plötzlich von kollektiver Schwäche befallen sein sollten. 

Leistungsfähig bis ins hohe Alter

Vor alledem müssen sich aber die, ich möchte sagen unseriösen, Kritiker fragen lassen, wie sich denn folgendes Phänomen erklären lässt. Während bisher von einem Durchschnittsalter bei Warmblütern von zwölf Jahren ausgegangen wurde, behaupten einige Hippologen jetzt schon, dass dieses Alter auf neun Jahre herabgesunken wäre. Islandpferde sind in der Regel bis über das 20. Lebensjahr hinaus leistungsfähig. Und fast jede Islandpferdehaltende Familie beherbergt in ihrer Herde auch einen über 30-jährigen Senior, der leicht altersstarrsinnig und ansonsten topfit, keinerlei Bereitschaft zeigt, diese Erde vorzeitig zu verlassen. Natürlich gibt es auch bei Islandpferden Hufrolle, Chips, Kissings Spines und Magenschwüre – doch im Verhältnis zur Warmblutzucht in verschwindend geringem Maße. Und dies alles soll das Ergebnis tierquälerischer Haltung und Nutzung sein? Letztlich sind es nur drei Dinge, die ein Pferd (neben akuten Schmerzen) wirklich quälen können: Zu wenig Bewegung, zu wenig frische Luft und zu wenig Kontakt zu Artgenossen.  


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